Die Bewegung der Augen erkennen, verstehen und nutzen
Im neurolinguistischen Programmieren geht man davon aus, das die Augenbewegungsmuster für eine Person (in bestimmten Situationen) konsistent sind, – das es eine Systematik gibt, die für diese Person gilt
Wenn z. B. eine Person von einem Problem spricht und dabei mit ihren Augen (und sei es nur für Augenblicke) immer in die gleiche Richtung und auf den gleichen Ort schaut, dann ist dieser Ort im inneren Raum bedeutsam und kann für Gespräche sowie Veränderungs-Prozesse systematisch genutzt werden.
Die Augen sind eigentlich immer in Bewegung. Wenn man genau hinschaut, rekennt man allerdings bestimmte Vorlieben und Muster. Die NLP Gründer Richard Bandler und John Grinder erkannten eine Reihe von Zusammenhängen, die das Arbeiten mit Klienten deutlich verbessern kann – die so genannten Augenzugangshinweise.
Generell gilt:
- Augenbewegung oberhalb der Sehachse = visueller Verarbeitungmodus
- Augenbewegungen mittlere Sehachse = auditiver Verarbeitungsmodus
- Augenbewegungen unterhalb der Sehachse = kinästhetischer Modus/innerer Dialog
- Rechts-links Abweichungen werden jeweils Vergangenheits-Erinnerungen sowie Zukunfts-Konstruktionen zugeordnet.
- Die Beachtung der Augenbewegungen werden vorrangig dazu benutzt, Kontakt zum Gegenüber herzustellen (Pacing, Rapport), dies bedeutet zum Beispiel ihm im gleichen Verarbeitungsmodus zu antworten.
Die Wahrnehmung von Augen-Bewegungen ist auch für die Erkundung persönlicher Strategien hilfreich. Sie wird auch im Coaching (Wingwave) sowie in der Therapie (EMDR, EFT, MET) genutzt.
Augenzugangshinweise
In Beratung, Coaching und Therapie werden Augenzugangshinweise genutzt um Hinweise auf innere – manchmal unausgesprochene oder unbewusste Prozess bei Klienten zu erhalten.
Aber Vorsicht: Eine Reihe wissenschaftlicher Studien hinterfragen die Zuverlässigkeit der Augenzugangshinweise als eindeutiges Instrument zur Erfassung innerer Prozesse. Forschungen zeigen, dass Augenbewegungen stark von situativen Faktoren und individuellen Unterschieden beeinflusst werden, wodurch systematische Rückschlüsse auf Gedankeninhalte nur eingeschränkt möglich sind. Zudem lassen sich Korrelationen zwischen Blickrichtung und kognitiver Verarbeitung wohl nicht konsistent replizieren.
In der Praxis bedeutet dies, dass Augenzugangshinweise als unterstützendes Beobachtungsinstrument genutzt werden sollten, statt als eindeutiger Indikator für innere Prozesse. Eine reflektierte Anwendung erfordert daher kritisches Bewusstsein und methodische Sorgfalt.
Einsatzbereiche für die Nutzung von Augenbewegungen
Die Richtung, in die die Augen einer Person wandern, kann Hinweise darauf geben, auf welche Art und Weise sie Informationen verarbeitet. Zum Beispiel wird angenommen, dass nach oben gerichtete Augenbewegungen auf den Zugang zu visuellen Informationen hinweisen, während seitwärts gerichtete Bewegungen auf den Zugang zu auditiven oder kinästhetischen (fühlenden) Informationen hindeuten können. Durch Beobachtung dieser Bewegungen kann der Coach herausfinden, welche Sinnesmodalität die Person bevorzugt, und seine Sprache und Coaching-Techniken entsprechend anpassen.
Wenn eine Person negative Gedanken oder Überzeugungen hat, kann der Coach durch gezielte Fragen und Interventionen die Augenbewegungen nutzen, um sie dabei zu unterstützen, ihre Perspektive zu ändern. Indem der Coach die Augenbewegungen der Person beobachtet, während sie über ihre Probleme spricht, kann er feststellen, welche Denkmuster vorherrschen, und dann Techniken verwenden, um diese Muster zu verändern.
Inkongruenzen zwischen dem, was eine Person sagt, und dem, was sie wirklich fühlt oder glaubt, können durch Beobachtung der Augenbewegungen sichtbar werden. Wenn zum Beispiel jemand sagt, dass er optimistisch über eine bestimmte Situation ist, aber seine Augen nach unten und zur Seite wandern, könnte dies darauf hinweisen, dass er nicht wirklich überzeugt ist. Der Coach kann dann gezielt nachfragen, um diese Inkongruenz aufzudecken und zu adressieren.
Durch Beobachtung der Augenbewegungen kann der Coach auch ein tieferes Verständnis für die Denkweise und die Verarbeitungsmuster der Person entwickeln (kalibrieren). Dies kann ihm helfen, effektivere Fragen zu stellen und bessere Interventionen vorzuschlagen, um die gewünschten Veränderungen zu fördern.
Aber nochmals: Neben der Beobachtung der Augenbewegungen spielen Kontext, verbale Äußerungen und nonverbale Signale eine zentrale Rolle für die Interpretation der inneren Prozesse.
Coaches sollten diese Informationen immer integriert betrachten, um Fehlschlüsse zu vermeiden. Wissenschaftliche Untersuchungen betonen, dass die Kombination verschiedener Hinweise die Genauigkeit der Einschätzung kognitiver und emotionaler Zustände deutlich erhöht.
Somit bleibt Augenzugangshinweise ein nützliches, aber ergänzendes Werkzeug im Gesamtprozess der Kommunikation und Intervention.
Wozu ist das gut?
Augenzugangshinweise können genutzt werden um Rapport zu etablieren, Hinweise auf unbewusste Prozesse zu bekommen, Lücken in der Repräsentation zu vervollständigen und – im Falle von traumatischen Ereignissen – zur Bewältigung unterstützend mitzuwirken.
© Bernhard Tille, 2025