False Memories
Menschen können von einer Erinnerung überzeugt sein und sie dennoch falsch erinnern. Die Psychologie spricht dann von sogenannten "false memories".
Um was geht es?
False Memories sind Erinnerungen an Ereignisse oder Details, die so nicht stattgefunden haben oder anders waren, als sie erinnern werden. Menschen können von einer Erinnerung überzeugt sein und sie dennoch falsch erinnern.
Der Grund liegt unter anderem darin, dass das menschliche Gedächtnis keine Videoaufzeichnung der Vergangenheit ist. Erinnerungen werden nicht 1:1 abgerufen, sondern beim Abrufen rekonstruiert. Dabei können eigene Erwartungen, später hinzugekommene Informationen, Gespräche oder die Art, wie Fragen gestellt werden, Einfluss nehmen.
Ein gut erforschter Mechanismus ist der sogenannte Misinformation Effect: Nachträglich erhaltene Fehlinformationen können in die Erinnerung an ein ursprüngliches Ereignis integriert werden.
Die Forschung von Elizabeth Loftus und anderen Psychologen hat eindrucksvoll gezeigt, dass sich unter bestimmten Bedingungen sogar Erinnerungen an Ereignisse entwickeln können, die tatsächlich nicht stattgefunden haben. Dabei können solche Erinnerungen subjektiv sehr überzeugend sein und mit emotionalen und scheinbar konkreten Details einhergehen.
Quellen und weiterführende Literatur:
Loftus, E. F. & Pickrell, J. E. (1995): The Formation of False Memories.
(Arbeit zur experimentellen Erzeugung autobiografischer Scheinerinnerungen)
Loftus, E. F. (1997): Creating False Memories, Scientific American.
(Überblick zum Thema)
Welche Mechanismen kennt die Forschung?
- Suggestion: Andere Personen liefern Informationen oder Deutungen, die in eine Erinnerung integriert werden können.
- Fehlinformation nach dem Ereignis: Informationen, die erst nach einem Erlebnis präsentiert werden, können später wie Bestandteile des ursprünglichen Ereignisses erinnert werden.
- Imagination: Das wiederholte Vorstellen eines Ereignisses kann unter bestimmten Bedingungen die subjektive Vertrautheit erhöhen und die Grenze zwischen Vorstellung und tatsächlichem Erleben verwischen.
- Rekonstruktives Erinnern: Beim Abruf wird eine Erinnerung aus verschiedenen Informationsquellen zusammengesetzt. Dabei können Lücken mit plausiblen, aber falschen Details gefüllt werden.
Wozu ist das gut?
Für NLP-Anwender und Coaches ist das Wissen über False Memories vor allem deshalb relevant, weil Selbstreflexion, biografische Erzählungen und Interpretation vergangener Erfahrungen wichtige Elemente eines Coaching sind. Für die Praxis bedeutet das:
1. Erinnerungen nicht als objektive Fakten behandeln
Wenn Klientinnen und Klienten von früheren Ereignissen berichten, sollte ein Coach zwischen der subjektiven Bedeutung einer Erinnerung und einer (nicht überprüfbaren) objektiven Richtigkeit unterscheiden. "So habe ich es erlebt" ist etwas anderes als "so ist es definitiv passiert".
2. Suggestive Fragen vermeiden
Fragen können Erinnerungen beeinflussen. Statt "hat Sie Ihr Chef damals besonders kritisch bewertet" lieber eine offenere Formulierung wählen wie z.B. "wie haben Sie das Gespräch mit Ihrem Chef und sein Verhalten damals erlebt?".
Der Coach sollte möglichst wenig Inhalt (und Bewertung) vorgeben, sondern seiner Klientin bzw. seinem Klienten viel Raum für die eigene Rekonstruktion lassen. Gerade bei biografischen Themen kann suggestives Nachfragen unbeabsichtigt vorhandene Interpretationen verstärken.
3. Die Bedeutung eines Ereignisses und nicht das Ereignis selbst in den Fokus rücken
Entscheidend ist, welche Bedeutung der Klient / die Klientin einer vergangenen Erfahrungen aus der heutigen Perspektive verleiht und welche Auswirkung diese Überzeugung auf das jetzige Verhalten hat. Hilfreiche Fragen in diesem Kontext:
Was bedeutet diese Erinnerung für Sie heute?
Als wie hilfreich erleben Sie die Bedeutung, die Sie der damaligen Situation gegeben haben?
Mal angenommen, es gäbe weitere Erklärungen / Interpretationsmöglichkeiten, welche wären noch denkbar?
Damit verschiebt sich der Fokus von der vermeintlich objektiven Rekonstruktion der Vergangenheit auf die gegenwärtige Selbstwahrnehmung und Handlungsfähigkeit.
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Autor: Eva Altenburg, Diplom-Psychologin, Systemische Beraterin und NLP-Lehrtrainerin